Dienstag, Januar 23, 2007

Ein etwas anderes Fazit zur 55. Jack Wolfskin Vier Schanzen Tournee

Neue Helden und alte Stars, große Spannung und viele Zuschauer, viel Gerede über den Zustand des deutschen Skispringens und die Illusion von der Planbarkeit des perfekten Sprungs


Ach ja, könnte man den Klimawandel doch auch für die Misere im deutschen Skispringen verantwortlich machen, wie einfach wäre die Welt. Stattdessen ist Skispringen so verdammt kompliziert und dann spielt auch noch der Kopf und das Wetter und das Material und das Glück eine Rolle und vor allen Dingen soll der Kopf des Trainers endlich rollen.
Als Skisprungfan kann man sich über derartige „Skisprung-Experten“ und Medien nur wundern, denn andererseits ist ein Simon Ammann im Jahr 2002 mit der Leichtigkeit des Seins zu zwei Olympiasiegen gesprungen und das man den Sprüngen eines Gregor Schlierenzauer oder eines Anders Jacobsen derzeit etwas kompliziertes abringen könnte, oder man von ihnen hören würde, dass sie großartig über ihr „System Sprung“ nachdenken, bleibt auch Illusion.
Man könnte also meinen, es gibt derzeit zwei Pole in der Welt des Skispringens. Auf der einen Seite die jugendlichen Überflieger um Arttu Lappi, Anders Jacobsen, Gregor Schlierenzauer und einige weitere, die völlig unbekümmert für sich ein System gefunden haben, was sie aktuell befähigt, das Niveau in der Weltspitze mit zu bestimmen. Und auf der anderen Seite die „alten Stars“ und Denker der Szene, wie ein Adam Malysz, oder ein Janne Ahonen, die einfach wissen, was sie zu tun haben und wie es geht und sich damit Jahr für Jahr wieder in der Weltspitze einfinden, dies jedoch mit einer sehr systematischen und analytischen Arbeit erreichen. Dazwischen klafft dann das Nirgendwo der Mittelmäßigkeit und irgendwo dort befinden sich wohl aktuell auch unsere deutschen Skispringer. Dass dies deswegen nicht schlimm oder gar hoffnungslos ist, zeigen ja gerade Beispiele wie ein Adam Malysz, oder ein Simon Ammann. Der Schweizer wurde bei dieser Tournee Dritter und rund fünf Jahr zuvor Doppelolympiasieger. Dazwischen kam lange NICHTS, man könnte also fragen, was in dieser Zeit passiert ist und genau das ist das Entscheidende. Es gab schon viele junge und talentierte Skispringer und es wird sie auch immer wieder geben die jugendlichen Überflieger, eben weil sie mit einer Unbekümmertheit und Lockerheit ans Werk gehen, wie es ihnen nun mal nur die jugendliche Leichtigkeit möglich macht. Doch danach passieren die entscheidenden Dinge, denn eine solche Form kann man nicht einfach konservieren und bei Bedarf die Dose wieder aus dem Kühlschrank nehmen, sondern es muss ein Wandel stattfinden zu einem bewussten und konsequenten Arbeiter. Das macht den Unterschied aus zwischen einem Janne Ahonen, der mit 16 Jahren im Weltcup vorne war und einem Janne Ahonen von heute.
Man ist jung, hungrig und begeisterungsfähig, Alles ist neu und man will es der Welt zeigen. Skispringen ist dann einfach nur geil und es geht darum, ganz locker und ohne darüber nachzudenken, was das Alles soll, einen raus zu hauen. Doch mit den Erfolgen steigen die Ansprüche und auch die Anforderungen, die die Umwelt an den Athleten stellt, der nächste Sommer kommt und im nächsten Winter steigt man mit einem Male 20 Stufen höher auf der Leiter ein. Da geht es natürlich nicht mehr so rasant weiter und man bekommt Fragen gestellt, was denn nur los sei und man fängt an nachzudenken, warum man denn mit einem Male nicht mehr so gut springt und schon ist es vorbei mit der geilen Zeit und der jugendlichen Überfliegerei.
Dann beginnt entweder das Ende so vieler Skisprungstars a la Toni Nieminen, Reinhard Schwarzenberger, Matti Nykänen und Co., oder aber „der lange Weg des Leidens“. Allerdings würde ich diesen nicht als solchen bezeichnen, denn es geht vielmehr darum, dass man versucht für sich selbst das System Skisprung zu durchdringen und bewusst die einzelnen Bausteine eines Sprungs zu beeinflussen. Mit all dem vielen Training in Kindheit und Jugend sind diese Athleten dazu in der Lage, auch wenn es für uns unvorstellbar scheint, bei einer Bewegung, die in einer Geschwindigkeit von über 90km/h innerhalb von wenigen Millisekunden vonstatten geht, etwas zu verändern. Darauf muss man sich besinnen und es nicht einfach nur geschehen lassen. Das ist mit vielfachem Scheitern verbunden und sieht dann so aus, wie wir es bei Martin Schmitt seit mehreren Jahren mit verfolgen könne.
Doch auch wenn man irgendwann diese Hürde genommen hat, ist der Weg zum „alten Star“ noch weit. Mit allen Analysen aus Windkanal und Winkelvermessung, aus Videoaufzeichnung und Materialoptimierung wird man trotzdem nie einen guten Skispringer basteln können. Selbst wenn man Wind und Wetter weg rechnet, ist das Modell noch viel zu komplex, als das man es durchdringen könnte und eine Sache bleibt dabei völlig außer Acht und das ist die psychologische Komponente beim Skispringen.
Mut ist dabei die eine Seite, doch es geht vor allen Dingen auch um die bewusste Regulation seiner Selbst, um das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, um das Können, los lassen zu können und ähnlich dem jugendlichen Überflieger einfach zu springen, nur eben bewusst.
Schaut man den deutschen Skispringern derzeit zu, dann sieht man richtig den Krampf und den Kampf, den sie führen. In diesem Zustand ist Skispringen brutal harte Arbeit und macht absolut keinen Spaß, oder haben Sie in diesem Winter schon einmal einen deutschen Athleten lachen sehen?
Die Skispringer hören es nicht gerne, doch genau an dieser psychologischen Komponente könnte man sehr stark arbeiten und bewusst oder unbewusst haben genau dies Athleten wie ein Adam Malysz, ein Janne Ahonen, ein Andreas Küttel und andere getan. Wenn man ihnen auf der Schanze zu schaut, dann haben sie für sich ein System gefunden, sich innerlich zu beruhigen und die mentale Kraft und Konzentration aufzubauen, um einfach einen Sprung geschehen zu lassen, denn mit dem Bewusstsein kann niemand Nuancen im Millisekundenbereich steuern, das geht nur über die „Modulation des Unbewussten“.
Dies systematisch und strukturiert ins Training einfließen zu lassen, wäre ein großer Ansatz doch tut man sich derzeit im Skispringen ähnlich wie im Fußball noch sehr schwer damit.

Ergebnis all dieser Mühen über Jahre sind dann die „alten Stars der Szene“, die es über Jahre hinweg geschafft haben, einen guten Sprung bewusst zu „erzeugen“. Ein Simon Ammann hat es dort hin mit seinem dritten Platz geschafft und sagt heute „seien die Sprünge wunderschön“, früher nannte er es „einfach nur Geil“.
Ein Martin Schmitt arbeitet sehr stark daran und ich bin überzeugt, dass er das Potential dazu hat, auch wieder ein absoluter Siegspringer zu werden und das dann sicherlich auf Dauer. Denn sein System geht in die richtige Richtung, was er braucht ist mentale Unterstützung und Erfolgserlebnisse, die man in der jetzigen Situation nur unter Einwirkung eines klein wenig Glücks produzieren kann. Jens Voigt hat als Hasardeur der Tour de France einmal gemeint, dass man das Glück eben so lange Prügeln müsse, bis es einen beschenkt, um in Ruhe gelassen zu werden.