Samstag, November 25, 2006

Nordic Opening - 400 Athleten im dunklen hohen Norden und Talentquoten für die Skispringer?

Alle Jahre wieder trifft sich die gesamte nordische Familie zum Saisonauftakt im finnischen Kuusamo knapp unterhalb des Polarkreises und alle Jahre wieder ist das Wetter ein bestimmender Faktor an der Schanze. Den Langläufern ist das Wetter ja eigentlich egal, aber für die Schanzenpiloten ist der Faktor Wind und Schneefall immer wieder ein Gespräch wert. Gerade im deutschen Spezialspringerlager freut man sich ja immer über Gesprächsthemen abseits der eigenen Leistung und da kommt das Nachtreten eines Alexander Herr gerade recht.

Impulsiv, eigenbrödlerisch und selbstbewusst war der Schwarzwälder Herr ja schon immer und lebenslang von seinem Vater gefördert, hat er es ja immerhin bis in die erweiterte Weltspitze geschafft, doch nun scheint die Reise des Alexander Herr nach dem Rausschmiss aus dem deutschen Team und der gescheiterten Einbürgerung in Schweden beendet. Trotzdem ist es nicht verständlich, wenn man frustriert die Medien nutzt, um schmutzige Wäsche zu waschen und den Bundestrainer Peter Rohwein zu diffamieren. Man kann über die Stimmung im deutschen Team und die Trainingsmethoden durchaus getrennter Meinung sein und man darf auch fragen, warum die vier Skisprungstützpunkte in Deutschland allesamt durch österreichische  Trainer betreut werden, es also offensichtlich keine brauchbaren Trainer in Deutschland gibt. Aber das sind sachliche Fragestellungen und keine wilden Behauptungen in noch wilderen Magazinen von Athleten aus dem Abseits.

Genau so wenig zielführend sind jedoch auch die Diskussionen um den deutschen Kombinierernachwuchs und die Skispringer. Es ist schon seltsam, dass man im Skispringen viel Geld verdienen kann und die Nordische Kombination dazu ein weitaus größeres Maß an Trainingsumfängen und persönlichem Einsatz erfordert, aber trotzdem in Deutschland aktuell kein Skispringernachwuchs zu finden ist, während die Kombinierer ein absolutes Luxusproblem haben. Denn allein 11 Mann aus Deutschland können im A-Weltcup starten, doch dabei hat man dann schon drei weitere Startberechtigte nach Hause geschickt und Christian Ullmer aus dem Schwarzwald hatte es dorthin noch gar nicht geschafft, ist deshalb zu den Skispringern gewechselt und gehört dort bereits zum A-Team der deutschen Skispringer, welches aktuell mit vier Mann im Weltcup vertreten ist. Da sollte man sich doch im Skispringen mal fragen, was schief läuft, anstatt arrogant Forderungen nach einer „Talentabgabe“ von den Kombinierern zu stellen. Warum ist denn der Nachwuchs in der Nordischen Kombination so erfolgreich und nicht einmal unbedingt zahlreich? Warum gelingt einem „Kombinierer der neuen Generation“ so leicht der Wechsel ins Spezialspringerlager?

Weil es gelungen ist unter der Führung von Horst Hüttel und Sepp Buchner, beide selbst einmal Kombinierer, ein systematisches Nachwuchstraining zu realisieren, bei dem sehr viel Wert auf eine hohe koordinative Schulung gelegt wird. Die Athleten bekommen Kriterienkataloge mit nach Hause und müssen Turnen und Salti beherrschen, vom 3-Meter-Brett verschiedene Figuren springen, oder auf Inline-Skates Kunstsprünge über Hindernisse realisieren. Also alles Dinge, die kein spezifisches Training darstellen, den Athleten aber zu einer hohen koordinativen Leistungsfähigkeit führen, die wiederum zum Beispiel den Wechsel eines Christian Ullmer in eine andere Disziplin erst ermöglicht.

Bei den Springern sucht man all diese Alternativen oft vergeblich und nach den dicken Jahren im deutschen Skisprung ist auch so mancher Athlet eher ein Schönling, denn ein knallhart siegorientierter Sportler. Man hat also die Entwicklung im Skispringen durch ein systematisches Nachwuchstraining verschlafen, trainiert häufig viel zu monoton und speziell und beschäftigt sich auch gar zu gerne mit Fragestellungen abseits der springerischen Leistung. Da wird den ganzen Sommer über Material getestet und auch im Winter probiert man gar zu oft mit Anzügen, Ski und Schuhen rum, anstatt an den technischen Details von Anfahrt, Absprung, Flug und Landung zu arbeiten. Die athletischen Leistungen der deutschen Adler waren in den letzten Jahren folgerichtig eher schwach und auch in diesem Jahr kann man nicht unbedingt behaupten, dass die deutschen Springer den Schanzentisch eintreten.

Es ist also schlicht eine Menge Arbeit in den kommenden Jahren im Skispringen von der Basis nach ganz oben zu tun. Es müssen junge, motivierte und gut ausgebildete Trainer mit neuen Ideen her, es muss ein Nachwuchskonzept aufgestellt werden, welches dann konsequent umzusetzen ist und mehr Leistungszwang muss die jungen Athleten zu konsequenter Arbeit erziehen sowie durch ein Ausbildungskonzept sollte es auch abseits der Schanze gelingen, aus den Athleten mündige und intelligente Bürger zu machen.

 

In diesem Sinne, Hang loose

 

DW

 

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